Und immer geistert noch das Muttenjoch.
Fünf Sauparkwalker beim Silvretta - Ferwall - Marathon
in Galtür / Österreich

Dieter, Hans-Jürgen, Evi, Ellen und Matthias auf dem Muttenjoch

Samstag, 21. August 2004
Wir waren kurz vor Kassel, als sich Ellen über Handy meldete. Regnen würde es, und saukalt sei es auch. Berge hätten sie vor lauter Wolken noch nicht gesehen, sie lägen jetzt im Bett, dem einzig warmen Ort in diesem Dorf. Unsere Urlaubsstimmung sank. Ich saß bei Evi und Dieter Hofmann im Wagen. Wir waren erst mittags losgekommen und wussten zumindest jetzt, dass wir noch nichts verpasst hatten.
Die Anreise gestaltet sich problemlos nach Galtür in Tirol über Bregenz, Bludenz, durchs Montafon und über die Silvretta-Hochalpenstrasse nach Galtür, der letzten und höchst bewohnten Siedlung des Paznauntales, das sich von Landeck her zur Bielerhöhe hinaufzieht.
Von unserem Quartier waren wir angenehm überrascht. Die Zimmer, ausgestattet mit Dusche und WC, waren beheizt und strahlten bei der widrigen Witterung eine wohltuende Wärme aus. Ellen machte uns mit Matthias bekannt. Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem nahe gelegenen Lokal kamen wir relativ früh in die Betten.
Mehr beiläufig hatte ich irgendwann im Frühjahr erwähnt, dass es da in Österreich einen Verwall-Silvretta-Marsch-Marathon mit einem Streckenprofil gäbe, das dem des Swiss-Alpine von Bergün nach Davos ähnlich sei, und machte den Vorschlag, im Paznauntal den Marathon mit einem gemeinsamen Wanderurlaub zu verbinden. Ich hatte nie damit gerechnet, dass das was werden würde. Aber der Vorschlag gefiel, und die neue Elite unserer Saupark-Walkerinnen begeisterte ihre Männer zu einem Unternehmen mit ungewissen Erfolgsaussichten.

Um es vorweg zu nehmen, es wurde ein wunderbarer Urlaub. Unsere Gruppe harmonierte gut. Wir konnten am Abend vorher planen, wo es am nächsten Tage hingehen sollte, und wir planten immer gut. Das Wetter spielte mit - fast genau so, wie wir es haben wollten. Unsere Pension gefiel uns, die Zimmer waren sauber, und unsere Wirtin verwöhnte uns mit einem reichhaltigen guten Frühstück. Unbeschreiblich und grandios das Hochgebirge mit seinen Gletschern und Seen. 74 Dreitausender sollen im Gemeindegebiet Galtür zu sehen sein. Nicht alle Schutzhütten konnten wir in den neun Tagen erwandern, und wir waren uns einig, für das nächste Jahr noch einiges aufgehoben zu haben.
Eine Sorge war uns bald genommen. Sehr schnell hatte Ellen ihre Höhenangst überwunden. Auf Pfaden, die zuweilen Aufmerksamkeit verlangten, bekam sie stattdessen Lachkrämpfe - unbegreiflich!

Galtür mit Ballunspitze

Ellen, Matthias, Hans-Jürgen und Evi. Im Hintergrund die Wiesbadener Hütte

Sonntag, 22.August 2004
Am nächsten Tag schien die Sonne. Der erste Blick aus dem Fenster fiel in das vom Sonnenlicht überflutete Jamtal. Frohgestimmt nahmen wir das Frühstück ein und, weil kein Wölkchen am Himmel hing, fuhren wir voller Erwartung hinauf zur Bielerhöhe, wegen ihrer günstigen Lage Ausgangspunkt für viele lohnenswerte Bergtouren. Unser Ziel war die Wiesbadener Hütte. Der Weg führte zunächst entlang der östlichen Staumauer und weiter am Ufer des Silvretta-Stausees bis zu seiner südlichen Spitze, von dort hinauf ins Ochsental, an dessen Talschluss die Hütte liegt, umringt von vielen Dreitausendern in einer grandiosen Gebirgswelt mit den Gletschern rings um den Piz Buin, dem höchsten Berg der Silvretta-Gruppe.

Auf der Sonnenterrasse der Wiesbadener Hütte Auf dem Edmund-Lorenz-Weg zum Radsattel Auf dem Edmund-Lorenz-Weg
Ursprünglich wollten wir auf gleichem Wege zurück. Aber bei diesem herrlichen Wetter war es einfach verlockend, auf dem Edmund-Lorenz-Weg über den Radsattel zu gehen. Es war leichter als gedacht. Der Anstieg führte in gleissender Sonne über Schneefelder bis zum 2652 m hohen Sattel immer mit dem Rundblick auf Berge, Gletscher und Gebirgsseen. Unzählige Bäche flossen und stürzten talwärts. Hinab führte der Weg ins Bieltal, durch das wir die Bielerhöhe wieder erreichten.
Auf dem Edmund-Lorenz-Weg Auf dem Edmund-Lorenz-Weg
Auf dem Edmund-Lorenz-Weg am Radsattel Überall fliessende Wasser am Edmund-Lorenz-Weg

Auf dem Edmund-Lorenz-Weg am Radsattel

Auf dem Radsattel - Grenzschild zwischen Vorarlberg und Tirol

Sonnenanbeterin auf dem Radsattel Rückweg im Bieltal zur Bielerhöhe

Montag, 23.August 2004.
Noch 6 Tage bis zum grossen Event. Die Veranstaltungsbroschüre weist drei Strecken über 18, 28 und 42,3 km aus, die marschierend zurückgelegt werden. Die Marathon-Strecke ist auch als Lauf mit Zeitnahme ausgeschrieben und fällt sogar in die österreichische Berglauf - Cupwertung, natürlich nur für Läufer mit ÖLV-Cupnummer. Da wir nicht sicher waren, welche der drei Strecken wir marschieren bzw. nordic walken wollten, hatten wir uns für die heutige Wanderung den zentralen, hochalpinen Teil der Marathonstrecke vorgenommen. Wir wollten das 2620 m hohe Mutten-Joch erkunden. Aus dem Studium von Berichten und Karten wussten wir, dass der Aufstieg zum Mutten-Joch schwierig ist.

Vom Gasthof Zeinisjoch (1822 m) wanderten wir auf dem Fahrweg zur Neuen Heilbronner Hütte (2320 m), die wir nach ca. 90 Minuten erreichten. Nördlich der Hütte die wunderschönen Scheid-Seen am Verbellner Winterjöchli. Hier verläuft die Wasserscheide Nordsee - Schwarzes Meer.

Zwischen Verbella Alpe und der Neuen Heilbronner Hütte Rast auf der Heilbronner Hütte - Ellen, Dieter, Hans-Jürgen und Matthias
Die Scheidseen von der Heilbronner Hütte aus gesehen Neue Heilbronner Hütte
Nach einer Rast ging es weiter auf schmalem Steig, teilweise sogar weglos. Wir liefen über Steinplatten und grosse Felsbrocken hinweg und mussten die Schritte überlegt setzen. Nach Überwindung des nordöstlichen Jöchligrates (ca. 2500 m) ging es auf schmalem Pfad hinab ins Ochsental (2357 m), das zum Quellgebiet der Rosanna gehört.
Auf dem Muttenjoch - Dieter, Evi, Ellen und Matthias Evis Tanz auf dem Muttenjoch
Nach Überquerung der Rosanna der Anstieg, zunächst noch moderat, dann auf Serpentinen immer steiler, unvorstellbar, dass hier jemand laufen könnte. Selbst zum Gehen stellt sich Luftknappheit ein. Die 263 Meter Höhenunterschied zum 2620 m hohen Muttenjoch wollen erklommen werden. Wir waren beeindruckt und zweifelten, ob bei diesen Steigungen das Profil von Laufschuhen den notwendigen Halt finden könnte. Unsere Gruppe zog sich weit auseinander. Jeder stieg für sich allein. Wir benötigten etwa eine halbe Stunde, bis wir die Scharte erreicht hatten. Hier oben war es windig und kalt. Es gab fast keine Vegetation.
Abstieg vom Muttenjoch Abstieg vom Muttenjoch
Nach kurzer Rast der steile Abstieg durch das Geröll. Ein langes Schneebrett musste überwunden werden. Nach ca. 300 Höhenmetern kamen wir auf einen befestigten Weg, der zur Friedrichshafener Hütte führte.
Abstieg vom Muttenjoch Friedrichshafener Hütte
Von der Hütte wählten wir den Fahrweg mit Serpentinen in das Tal der Trisanna. Hier im Ortsteil Tschaffein (1530 m) am Paznauner Hof zweigt die 28-km-Strecke ab und führt ins 2 Kilometer entfernte Galtür. Die Marathonläufer müssen aber die Bundesstrasse und die Trisanna überqueren, um dann auf der anderen Seite im Lareintal, das zur Silvretta gehört, wieder aufzusteigen. Die Besichtigung dieses Streckenteils haben wir uns für einen weiteren Wandertag vorbehalten.

Dienstag, 24. August.
Das Wetter hatte sich eingetrübt. Mit Regen musste gerechnet werden. Ellen und Matthias zog es bergab in wärmere Gefielde Richtung Kappl. Evi, Dieter und ich entschieden uns für eine leichte Wanderung ins Jamtal zur Scheibenalm, die wir aber schon nach einer guten Stunde erreicht hatten - zu früh, um einzukehren. So ging es weiter auf leicht steigendem Fahrweg durch den Talgrund. An der Wasserfassung öffnete sich der Blick ins hintere Jamtal, die ersten Gletscher wurden sichtbar. Kurz vor der Hütte überquerten wir den Jambach nach Osten und der Weg wurde steiler. Das Wetter wurde stürmisch. Als wir die Hütte erreicht hatten, setzte der Regen ein. Mittagspause. Nach strammen Marsch durch den Regen erreichten wir auf gleichem Weg zurück die geheizten Zimmer unserer Ferienpension.

Evi und Dieter Hofmann an der Zollwachhütte - Im Hintergrund der Jamtalferner
Jamtalhütte Jamtal
Mittwoch, 25. August.
Es regnet. An Wandern ist nicht zu denken. Ein Ruhetag kommt uns auch gelegen. Attraktion für einen solchen Tag ist das Alpinarium mit der Ausstellung "die lawine".
Äußerlich ist heute in Galtür vom damaligen Unglück nichts mehr zu sehen. Nur die Lawinenschutzmauern, eine noch freie Fläche, auf der vor dem Unglück Hotels und Pensionen standen, und das Alpinarium erinnern noch daran. In der Ausstellung werden zwei Extreme durch Bilder, Filmausschnitte und Geräusche wahrnehmbar gemacht: die friedlich verträumte Schneelandschaft in all ihrer Pracht und die Lawine als gewaltiges Naturschauspiel in ihrer - auch zerstörerischen - Macht.
In zwei Räumen steht die Dorf-Gemeinschaft im Mittelpunkt. Mit den 631 Portraits der Galtürer weiß der Besucher wenig anzufangen, zu pompös neben der kleinen Gedenktafel für die Opfer. Neben dem Thema Dorfgemeinschaft widmet sich die Dokumentation dem Unglück selbst. Dabei werden auch die Ereignisse der Wochen davor und danach vermittelt. Die über Galtür hereinbrechende "Medienlawine" und die darauf folgende "Stornierungswelle" ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung.

Donnerstag, 26. August.
Langsam rückt der grosse Marsch in unser Bewusstsein, und immer wieder geistert das Muttenjoch in unseren Köpfen. Die Bergspitzen sind weiß. Am Muttenjoch sollen 20 cm Neuschnee liegen. Strahlend blauer Himmel. Es ist warm. Ein idealer Tag für die Wanderung zur Saarbrückner Hütte.
Mit dem Auto zur Bielerhöhe. Zunächst abwärts zum Madlenerhaus. Nach Überquerung eines kleinen Seitenbaches der Ill und Durchwanderung eines Trümmerfeldes, das von einem riesigen Bergsturz herrührt, führt der Weg nach kräftigem Anstieg bei ca. 2100 m auf die Tschifernella-Weiden. Obgleich wir uns für den kommenden Sonntag schonen wollen, hält uns eine langsame Wandergruppe, die keine Anstalten macht, uns auf schmalen Pfad vorbeizulassen, unnötig lange auf. Vorbei an wunderschönen kleinen Gebirgsseeen sehen wir bald auf dem Ostgrad des Kleinen Litzners die Saarbrückner Hütte (2538 m).

Ein idyllischer Bergsee bei den Tschifernella-Weiden Gebirgskulisse beim Aufstieg zur Saarbrückner Hütte
Saarbrückner Hütte Auf der Sonnenterrasse der Saarbrückner Hütte- in diesen Höhen muss viel getrunken werden. Der Rückweg über die Schwarzen Böden war ganz schön benebelt

Von der Terasse genießen wir beim Almdudler und Weizenbier die gewaltige Gebirgslandschaft. Eigenartig fröhlich und lustig geht es zurück auf befestigtem Weg zunächst hinab zu den Schwarzen Böden und in das Kromertal bis zu einer Wegegabelung, von der aus östlich durch schuttbedeckten Talboden hinüber zur Ill, die uns bis kurz vor die Bielerhöhe begleitet.
Am Abend wird es plötzlich hecktisch, als Evi und Dieter mit der Nachricht auftauchen, die richtigen Laufschuhe mit passendem Profil für das Hochgebirge gefunden zu haben. Es wird nicht lange überlegt. Wenige Minuten bis Ladenschluss. Die Schuhe sitzen gut. Dieter und ich haben neue Schuhe. Das Muttenjoch rückt immer näher.

Stimmungsbild auf dem Parkplatz der Bielerhöhe
Freitag, 27. August.
Ein herrlicher Tag. Leichte Wanderung zum Paznauner Hof, von wo aus wir die Besichtigung der Marathonstrecke fortsetzen.
Eine Forststraße führt hinauf in das Lareintal. 300 Höhenmeter müssen bis zur Lareinalpe, dem Wendepunkt der Laufstrecke, überwunden werden. Nach kurzer Rast in der wenig gastlichen Hütte führt die Strecke ein kurzes Stück zurück und biegt dann auf den Galtürer Höhenweg ein, dem wir bis ins Jamtal folgen. Dort verlassen wir den Kurs und wandern noch einmal zur Scheibenalm, wohin der Veranstalter zu einem gemütlichen Zusammensein bei Tiroler Musik eingeladen hatte. Der Rückweg ins Dorf ist sehr beschwingt.
Im Lareintal Scheibenalm im Jamtal
Samstag, 28. August.
Heute nutzen wir die Seilbahn, um auf den Berg zu kommen. Wir geniessen die warme Sonne und pflücken unterwegs Heidelbeeren. Von der Bergstation der Birkhahnkopfbahn führt unsere Wanderung hinab zum Kops-Stausee, den wir auf seiner westlichen Seite auf dem Uferweg und der Staumauer halb umrunden. Am Zeinisjochhaus gelangen wir auf die Marathonstrecke, die wir über das Joch und dann am Zeinisbach entlang zurück nach Galtür verfolgen.
Kops-Stausee Am Zeinisjochhaus
Natürlich dreht sich alles um den Event am nächsten Tag. Mittlerweile sind sich wohl alle zumindest insgeheim einig, den Marsch über die Marathonstrecke bestehen zu wollen. Und dann kommen wir, während wir auf das Abendessen warten, mit einer jungen Dame ins Gespräch. Sie kennt die Strecke und war sie schon im letzten Jahr gelaufen. In 7 Stunden könnten wir das auch schaffen. Jetzt ist der Dieter nicht mehr zu halten, und ich muss hinterher. Die richtigen Schuhe haben wir ja, und bis Meldeschluss sind es ja noch 20 Minuten. Wir laufen hinüber ins Gemeindeamt und melden um: von Wandern auf Laufen. Die Würfel sind gefallen.
Später bringt Matthias das Auto mit seinen Laufschuhen und denen von Ellen und Evi zum Paznauner Hof, lässt das Auto dort stehen und sich von Dieter abholen. Dort wollen sie am nächsten Tag, wenn sie die hochalpine Region hinter sich haben, in die Laufschuhe schlüpfen, um damit das letzte Drittel der Marathonstrecke zu bewältigen.

Sonntag, 29. August.
Wir frühstücken im Morgengrauen. Bis zum Start am Dorfplatz sind nur wenige Minuten zu gehen. Dort herrscht schon emsiges Treiben. Die Zahl der Walker und Wanderer überwiegt bei weitem die der Läufer. Jede Läuferin und jeder Läufer werden einzeln aufgerufen. Es müssen derer mindestens 121 sein, denn so viele finden sich später in der Ergebnisliste wieder. Die Marathonis haben Startnummern, die Wanderer Kontrollkärtchen, die an mehreren Stationen abgestempelt werden müssen. Der Start verzögert sich. Man plaudert miteinander und ist überrascht, als ca. 10 Minuten nach Sieben doch noch der Startschuss fällt. Die meisten Läufer sind auf und davon. Wir befinden uns inmitten der grossen Schar der Wanderer und Marschierer. Ausser Dieter sehe ich niemanden mehr, der eine Startnummer trägt. Mich umschleicht ein peinliches Gefühl, hätte mich wohl doch nicht ummelden sollen. Mit schnellem Schritt lösen wir uns von Evi, Ellen und Matthias. Bei noch frischen Temperaturen in der Morgenstunde lassen wir Galtür (1580 m) hinter uns. Leicht ansteigend, zu Beginn noch geteerter Wanderweg, führt die Strecke zum Ortsteil Wirl (1650 m). Nach etwa zwei Kilometern verlassen wir die Trisannna und erreichen nach steilerem Anstieg auf asphaltierter Strasse das Zeinisjoch (1842 m), dann leicht abfallend die erste Labestation am Zeinisgasthof (1822 m). Ein steiniger Pfad führt uns an den Hang des Fluh bis zu einer Höhe von 1973 m und dann hinunter auf den befahrbaren Weg zur Verbellaalpe (1938 m). Auf steilem Pfad, der mehrere Serpentinen des Fahrweges zur Neuen Heilbronner Hütte ausspart, kann ich Dieter nicht mehr folgen und muss ihn ziehen lassen. Nach Überwindung des Steilstückes ist die Neue Heilbronner Hütte (2320 m) auf einer Anhöhe zu erkennen. Schon lange ist jeder für sich allein. Keine Wanderer mehr, nur einige wenige, die meisten wie ich mit Startnummer, weil für die Wanderung keine Zeitnahme vorgesehen ist. Direkt an der Hütte die Verpflegungsstation.

Neue Heilbronner Hütte Scheidseen
Spätestens ab hier ist das Gebiet hochalpin. Nach Überwindung der Höhe von 2500 m östlich des Jöchligrates kann ich konzentriert auf schmalem Pfad ins Ochsental laufen. Nach Überwindung des Baches die fürchterliche Steigung. Ich gehe langsam, um nicht in Sauerstoffnot zu geraten. Der Hang ist unendlich hoch, und trotzdem bin ich überrascht, ganz plötzlich Leute zu sehen und dann auf dem Muttenjoch (2620 m) zu stehen. Ausgezeichnetes Laufwetter. Aber die Helfer frieren. Für sie gibt es nur wenig Schutz vor dem kalten Wind. Orangen, Zitronen und Getränke werden gereicht. Bewundenswert, dies alles hier hoch geschafft zu haben. Der Abstieg mit ca. 300 m Höhenunterschied führt durch Geröll, über Steinplatten und ein langes Schneefeld und erfordert höchste Aufmerksamkeit. Dann ein befestigter Weg bis zur Friedrichshafener Hütte( 2138 m), auf dem ich gut laufen kann. An der Hütte kann ich etwas trinken. Erstaunlich für mich, wie wenig Durst trotz grosser Höhen ich an diesem Tag verspüre. Hieß es doch beim Swiss Alpine Marathon immer: "Trinken, trinken, trinken". Aber die Flasche, die ich mit mir trage, bleibt bis ins Ziel gefüllt. Von der Hütte waren wir vor einer Woche auf befestigtem Fahrweg mit Serpentinen in das Tal der Trisanna gelangt. Doch heute geht es für die Läufer über Abkürzungen auf einem widerlichen Pfad, gespickt mit Wurzeln und Steinen. Kurz vor dem Paznauner Hof (1530 m) ist das gefährliche Stück geschafft. Die Bundesstraße wird überquert, nach der Labestation über eine Naturtreppe hinunter zur Trisanna und auf einer Brücke über das Wasser hinweg. Der Aufstieg auf einem Forstweg in das Lareintal ist zunächst moderat. Aber nach 30 km fängt es an, weh zu tun. Der Weg will nicht enden. 350 m Höhenunterschied müssen überwunden werden. Die letzten 500 Meter auf einem Trampelpfad am Lareinbach werden zur Qual. Endlich die Getränkestelle. Der höchste Punkt an der Lareinalpe (1860 m) ist erreicht. Noch sieben Kilometer, wird mir signalisiert.
Es geht wieder talwärts, zunächst auf befestigten Weg, dann auf dem Pfad des Galtürer Höhenweges. Zwar ist die Tendenz fallend, doch immer wieder kleinere Anstiege zwingen mich zum Gehen. Der Weg führt ein Stück ins Jamtal hinein. Über eine Weide wird die Talsohle erreicht. Hier an der Eggalm (1635 m) letzte Getränkestation. Das Ziel ist nah. Über den Jambach, noch eine kleine Steigung und es geht nach Galtür hinein. Ein paar Kurven durchs Dorf, nochmal eine kleine Steigung und nach Überquerung einer Wiese ist das Ziel am Sportzentrum erreicht.
Die Zeit: 6:18:54. Ich bin zufrieden. Doch später stellt sich heraus, 15. und letzter in der M60 - sollte wohl doch lieber wieder walken; da gibt es bessere Plätze.
Es ist kalt geworden, später regnet es. Ich suche Schutz in der Halle und kann in dem Trubel Dieter nicht finden. Als wir uns später begegnen, war er schon geduscht umgezogen; seine Zeit: 5:41:26 und 10. in der AK60 bei seinem ersten Marathon überhaupt.
Es ist ungemütlich. Ich verschwinde ebenfalls zum Duschen und Umziehen, hole den Fotoapparat und komme rechtzeitig zurück, um den Zieleinlauf von Evi, Ellen und Matthias zu feiern. Wie kann man nach solch einem Marsch nur so fröhlich aussehen! 7:35:30 ihre Zeit. Für Matthias war es der erste Marathon überhaupt, für Ellen und Evi der zweite, nachdem sie 3 Wochen zuvor in Monschau ihren ersten absolviert hatten. Ellens Knie war aufgeschlagen und dick verbunden. Nach dem Gesetz der größten Gemeinheit war sie nicht in schwierigem Gelände, sondern gleich zu Beginn auf asphaltierter Strasse mit eigenem Stock in die eigene Schnürsenkelschlaufe gefädelt und gestürzt. Bei solch einer Verletzung wäre für manch anderen die Veranstaltung zu Ende gewesen.
Kein bisschen kaputt, doch fröhlich fast ins Ziel gestürzt Herzlichen Glückwunsch Evi und Ellen zum zweiten Marathon nach ihrem ersten vor 3 Wochen in Monschau und Matthias hier zu seinem ersten Marathon.
Es regnet. Warum auch nicht? Unser Urlaub neigt sich dem Ende entgegen. Den Nachmittag verbringen wir bei viel Musik, Laudatio und Siegerehrung in der Halle.
Wie so oft, hat es auch hier den Anschein, als ob die ganze Arbeit nur an einem einzigen hängen geblieben ist. Als wir am Abend die Halle verlassen, räumt er gerade die Tische weg. Ellen greift sich ihn und erzählt ihm, was ihr alles bei ihrem zweiten Marathon gefallen hat, und wo es auch Verbesserungsmöglichkeiten gäbe. Interessiert und dankbar hört er sich das an, ruft seinen Hilfssherriff hinzu, um auch ihm die Neuerungsvorschläge zugänglich zu machen. Und dann werden wir alle zusammengerufen zwecks Überreichung eines kleinen Pokals an die LLG Springe.
Am nächsten Tag geht es heimwärts. Wir haben 9 Tage Urlaub intensiv erlebt und voll ausgekostet in einer wunderbaren Gebirgswelt. Der Gipfel war das Muttenjoch. Es wird noch viele Male in unseren Träumen geistern.

Der Berichterstatter