Sertig Pass - Wettkampf, Abenteuer oder Wahnsinn?

Als ich ins Stadion einlief, sah ich vor mir Hermann Reimers laufen. Ich bekam Flügel und jagte hinter ihm her. Im Ziel hatte ich ihn eingeholt und ließ ihm trotzdem den Vortritt. Plötzlich war es mir nicht mehr wichtig, noch einen Platz gut zu machen. Um 8:00 Uhr morgens waren wir gestartet. Jetzt war es 17:50 Uhr. Wir waren glücklich, freuten uns riesig und beglückwünschten uns gegenseitig, hatten wir doch beide unsere Zeiten aus dem letzten Jahr erheblich verbessern können. Dann sagte er aber zu mir: "Das brauchst Du keinem zu erzählen, was wir hier gemacht haben. Das versteht keiner. Behalte es für Dich."
Ich will trotzdem versuchen, davon zu berichten:
Faszination Sertigpaß - Wettkampf, Abenteuer oder Wahnsinn? 
Diese Frage habe ich anderen und mir seit Jahren gestellt, wie der Swiss Alpine Marathon (SAD) einzuordnen und zu bewerten ist. Die Antworten fielen erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Für Nichtläufer war solch eine Distanz im alpinen Gebiet einfach Irrsinn, schlicht unverständlich,  - für manchen guten Läufer ebenfalls. Sprach man mit Athleten, die diese Strecke schon bezwungen hatten, dann reduzierte sich die Leistung auf Zeiten und Plazierungen. Irgendwo zwischen  diesen beiden Polen lag für  mich die  Wahrheit, die mit dem Ausdruck "Abenteuer" das Unternehmen treffend  charakterisiert.
Der weite Weg nach Davos und der damit verbundene  zeitliche Aufwand, das Unverständnis von Verwandten und Bekannten, verbunden mit dem berühmten Zeigefinger an der Stirn, und die Tatsache, daß man das  nicht so gerne  alleine macht, haben  jahrelang  das Unternehmen  "Abenteuer SAD" immer wieder verschoben. Nur - und das war immer schon klar - zum Swiss Alpine Marathon wollte ich unbedingt noch einmal hin.
Im letzten Jahr war es dann so weit. Lange zuvor hatte ich die Absicht zur Teilnahme allein mit mir herumgetragen. Nichts ist unangenehmer, als ein Unternehmen laut herauszuposaunen und dann sang- und klanglos fallen zu lassen, wenn einen der Mut verläßt und die Hose voll ist. Nun widerstrebt es mir, nur wegen eines einzigen und noch dazu fragwürdigen Laufes eine so weite Reise zu machen. Ich erinnerte mich an einen alten Haudegen namens Günther Gelhaar, der 1993 mit dem Fahrrad aus Leipzig zum Springe-Deister-Marathon angereist kam. "Der Weg ist das Ziel" und Urlaub beginnt an der Haustür. 14 Tage vor dem Lauf machte ich mich  mit dem Fahrrad auf den Weg - die erste große Radtour in meinem Leben. Die auf Karten angepeilte Route führte fast ausnahmslos über Fernradwege. Das war für mich eine große Überraschung. Ich saß jeden Tag zwischen 10 und 12 Stunden auf dem Sattel. Das war machbar, obgleich an all diesen Tagen die Sonne kräftig schien, was zu einem schmerzhaften Sonnenbrand führte. Am 9.Tag erreichte ich nach 1187 Kilometern Davos. Die letzten ca. 20 Kilometer waren schlimm: 1000 Meter Höhenunterschied; da habe ich fast nur noch geschoben. Aber dann war ich da; doch das Abenteuer lag noch vor mir.
5 Tage blieben für die Akklimatisation, die ich für Wanderungen zum Kennenlernen der Laufstrecke nutzte. Der Sertigpaß wurde von beiden Seiten erklommen. Im Startpreis inbegriffen war die freie Benutzung von Bussen und Bahnen in der Laufregion für die vorgeschaltete Woche, sodaß der Zugang zur Laufstrecke ideal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen war. Die Fahrten mit der Rhätischen Bahn in der Davoser Landschaft über beeindruckende Viadukte, durch wilde Schluchten und Tunnel waren jedesmal ein Genuß. Das Wetter blieb heiß - 5 Tage kein Wölkchen am Himmel, ein Traumwetter im hochalpinen Gebiet.
Auch wenn die 23000-Bettenkapazität zum Swiss Alpine Marathon längst nicht ausgeschöpft war, prägten Läuferinnen und Läufer aus vielen Nationen das Stadtbild und die Landschaft Davos. Viele bekannte Gesichter aus der Laufszene hatten sich eingefunden. Am Mittwoch kamen dann auch Dorle und Klaus Peschke mit Hund und Campingbus.
Der Swiss Alpine Marathon wurde in diesem Jahr zum 11. Mal ausgetragen. 1199 Läuferinnen und Läufer, davon 448 Deutsche, erreichten nach dem 67 km langen Gebirgsmarathon von Davos über Wiesen, Filisur, Bergün, den Sertig-Paß (2739 m) und zurück nach Davos das Ziel. Auf den Teilstrecken Landwasserlauf, Sertiglauf sowie dem Swiss Alpine Staffellauf  waren weitere  1319 Teilnehmer erfolgreich.
Start  war das Davoser Stadion, 1550 Meter hoch.  Mit dem  eindringlichen Appell des Rennarztes Dr. Beat Villinger "Trinken, Trinken, Trinken!" ging es dann am Samstagfrüh um 8 Uhr auf die ultralange Distanz. Entlang der Promenade (Hauptstraße von Davos) standen  die  Zuschauer   dichtgedrängt. Entlang der  Strecke waren  Hunderte von Schlachtenbummlern  anzutreffen. Auch später noch im hochalpinen Niemandsland gab es Zuschauer. Die vorhergesagte Hitze war zwar nicht ganz so stark, die hohe  Luftfeuchtigkeit machte sich aber bemerkbar.
Nach der 5 Km langen Stadtrunde ging es hinaus ins  Landwassertal, zuerst bergab, dann  auf schönen  Waldwegen bergauf nach Monstein (km 15 in 1700 Meter  Höhe).   An  der  Bahnstation Wiesen wurde das  berühmte  Landwasserviadukt  überquert. Zuschauer applaudierten  aus dem vorbeifahrenden Sonderzug. Dann  ging es steil bergab in die Schlucht hinein,  bis nach 28 km in 1000 Meter Höhe Filisur erreicht  war, wo die  Teilnehmerinnen und Teilnehmer  des Landwasserlaufes verabschiedet wurden. Der Swiss Alpine Marathon  läßt sich in drei  Teilstrecken einteilen, und in der Ergebnisliste gibt es zusätzlich  für jeden  Teilabschnitt  eine separate Wertung  mit Rangliste. Der 2. Streckenabschnitt von Filisur zum Sertigpaß  ist ein  Bergauflauf über 22.5 km mit einer Höhendifferenz von 1740 m. Ich muß bekennen, allein für diese 22.5 Kilometer benötigte ich 4 Stunden und 48 Minuten. Der Aufstieg beginnt  hinter  Filisur  bei km  30. Ein kontinuierliches  Laufen  war mir nun nicht  mehr  möglich. Schon  bald wurde  nur  noch  gewandert.  Der Weg nach Bergün führte über  steile Waldwege, über  Berghänge, Bäche und Wiesen.  Bergün  liegt  1450 m  hoch und wurde bei km 37 erreicht. Hier  waren um 11:30 Uhr die Sertigläufer (Bergün - Sertigpaß - Davos) gestartet. Von Bergün ging es in das Val Tours. Die letzten Häuser wurden in Chants (1820 m hoch) bei km 43.5 passiert und der Fahrweg mündete in einen schmalen Bergpfad. Bald war die Baumgrenze erreicht.
Mit zunehmender Höhe wurden die Anstiege immer steiler und kosteten auch dann viel Kraft, wenn man, wie ein großer Teil der Teilnehmer, dabei überwiegend wanderte. Nur die Sieger gingen nicht. Von km 45 bis km 50 benötigte ich 100 Minuten. Wenn man nicht mehr laufen kann, dann geht man, und wenn man nicht mehr gehen kann, dann - ich habe oft gestanden.  Die Vegetation  wurde  spärlich, wahrscheinlich auch die Luft. Eindrucksvoll die Ravaisch-Seen in 2500 m Höhe.
Irgendwann war die Paßhöhe dann doch erreicht. Die ärztliche Gesichtskontrolle fiel wider Erwarten günstig aus. Mir ginge es wohl noch recht gut, lachte mich der Dokter an, und ich dachte: 'Wie's innen aussieht, geht keinen was an'.
Sehr schwierig gestalteten sich die ersten Kilometer vom 3. Streckenabschnitt, denn der Abstieg führte durch ein Meer von Gesteinsbrocken und Geröll und hat von jedem höchste   Aufmerksamkeit abverlangt. Der Weg war teilweise nur durch rote Farbkleckse gekennzeichnet. Auf 5 km wurden ca. 800 Höhenmeter überwunden. Mehr als 6 Stundenkilometer habe ich auch hier nicht schaffen können. Hinter km 56 wurde das Sertig-Dörfli in 1850 m Höhe erreicht. Von hier aus wäre ich gern über die abwärts führende Asphaltstraße nach Davos gelaufen. Aber noch einmal ging es über Wiesen- und Waldpfade mehr bergauf als bergab in Richtung Clavadel bei km 63.5. Ab hier hatte man eine herrliche Sicht auf das tief unten liegende Davos. Irgendwann stürzte ich und schlug  mir Hände und Ellbogen auf. Ich lag dem Gelände angepaßt in einer Wegkuhle und hatte zunächst keine Lust mehr aufzustehen. Wir waren morgens um 8 Uhr gestartet und mittlerweile ging es schon  auf  18:30 Uhr zu.
Der Abstieg kam recht spät und war deswegen steil. Noch ein paar hundert Meter am Landwasser, dann noch eine Brücke, die der Veranstalter über die Straße gebaut hatte, und die auf der anderen Seite ins Stadion führte und von dort in die Eissporthalle. Auf einem Laufsteg über den Köpfen der herzlich applaudierenden Zuschauer wurde das Ziel erreicht. Als Auszeichnung erhielt jeder Finisher des Swiss Alpine Marathons einen Bergkristall überreicht.
Die Oberschenkel schmerzten, die Fußsohlen brannten, die Kehle war ausgedörrt und der Magen rebellierte; aber ich hatte es geschafft und fühlte mich so wie nach einem 1. Marathon: Vorstoß in eine neue Dimension. Allerdings die Zeit von 10 Stunden, 39 Minuten und 35 Sekunden war nicht doll. So lange hatte ich noch nie für einen Lauf gebraucht, auch nicht für 100 km. Aber ob Peter Gschwendt auf Platz 1 bei den Männern und Birgit Lennartz erste bei den Frauen, Klaus Peschke mit 8 Stunden, 52 Minuten und 3 Sekunden auf Platz 569 oder Hans-Jürgen Lühring auf Platz 994, wir alle konnten die Faszination alpiner Berglauf als Herausforderung, Abenteuer oder Belastung im Grenzbereich bei hervorragender Organisation und optimaler Versorgung erleben. 
Es dauerte dennoch 2 Tage, bis ich mir sagte, das machst du vielleicht noch mal, aber nächstes mal besser.
Am nächsten Morgen wurde gepackt und noch ein Bündel Schmutzwäsche zu Dorle und Klaus gebracht, die das Zeug dankens werterweise mit nach Springe nahmen. Am frühen Vormittag verließ ich Davos. 40 km bergab zum Rhein beanspruchten die Hände durch fortlaufendes Bremsen. An diesem Tag fuhr ich 130 km und übernachtete am Bodensee. Die Fahrt am Rhein führte mich bis Mannheim, das ich nach 5 Tagen und 700 km erreichte. Dort stieg ich in den Zug, um rechtzeitig zum Sommerfest zu Hause zu sein. Es würde den Rahmen sprengen, wollte ich auch noch über Eindrücke und Erlebnisse auf meiner Radtour berichten. Nur soviel sei geschrieben: Ich habe nie soviel Natur genossen und sowenig Leerlauf gehabt wie in diesem alternativen Urlaub, und - Deutschland ist unheimlich schön.

Ein Jahr später. Samstagabend stiegen Fritz Herwig und ich in Donaueschingen aus dem Zug. Da wir sieben mal hatten umsteigen müssen, war die Fahrt nie langweilig geworden. Für das Wochenendticket und 2 Fahrradkarten hatten wir für beide zusammen DM 47.- bezahlt. Unsere Fahradtour führte uns am nächsten Morgen zunächst bergab durch das Steinatal zum Rhein, den wir bei Waldshut überquerten und damit zugleich die Grenze in die Schweiz. An Aare und Reuss ging es flußaufwärts. In Rotkreuz zwischen Zuger und Vierwaldstätter See wurde übernachtet. Die Fahrt führte uns am nächsten Tag auf der Uferstraße des Vierwaldstätter Sees bei wunderschönem Wetter über Küssnacht Weggis, Vietznau, Brunnen nach Altdorf. Von hier ab ging es bergauf. Rechts und links rückten die Berge zusammen und die alte Kantonsstraße neben der Autobahn gewann an Höhe. Bis Göschenen, wo die Autobahn in 1100 m Höhe in den Gotthardtunnel führt, haben wir viel schieben müssen, von dort durch die Schöllenen-Schlucht nach Andermatt (1450 m) nur noch. Noch am gleichen Abend benutzten wir von dort aus den Zug zum Oberalppass (2044 m) und radelten 40 km bergab. Nach einer beeindruckenden Fahrt durch das Vorderrheintal erreichten wir am nächsten Tag Chur, von wo aus wir nachmittags mit dem Zug nach Davos fuhren. Ein 10-km Trainingslauf am gleichen Abend ist uns nicht leicht gefallen.
3 Tage Zeit blieben uns noch zur Vorbereitung. Fritz hatte für den Landwasserlauf gemeldet, wollte aber zumindest die gesamte Strecke des Swiss Alpine Marathon kennenlernen. Am Mittwoch wanderten wir auf der Laufstrecke von Bergün nach Filisur. Am Abend trabten wir um den Davoser See und lernten Hermann Reimers kennen, der sichtlich betroffen von schlechten Verhältnissen am Sertigpaß berichtete und den Lauf auf der Originalstrecke in Frage stellte. 8 mal sei er schon den Swiss Alpine gelaufen und habe dort droben noch nie so viel Schnee gesehen. Vom Sertig Dörfli aus sind Fritz und ich am nächsten Tag zum Paß aufgestiegen. Das Wetter war regnerisch und ungemütlich. Meine profillosen alten Laufschuhe waren denkbar ungeeignet. Einige steile Schneefelder habe ich nur auf allen Vieren überwinden können. Der Abstieg auf der anderen Seite nach Bergün ging teilweise über geschlossene Schneefelder, deren Ende wir beim Betreten nicht erkennen konnten. Überall floß Wasser die Hänge herunter, und die Wege waren zu Bächen geworden. Meine Schuhe habe ich nach dieser Wanderung weggeworfen und mir am nächsten Tage neue gekauft. Sie haben dann den Lauf gut überstanden, sahen aber hinterher recht alt aus.
Während ich mich am Freitag schonte, lief Fritz die Strecke vom Sertig Dörfli nach Davos. Mit dem Landwasserlauf am Samstag hatte er dann die gesamte Strecke kennengelernt.
Kurz vor dem Start wollte ich mir das Nasenpflaster aufsetzen. Am Tage zuvor hatten wir einen sehr informativen und überzeugenden Vortrag gehört über das Thema: "Das Nasenpflaster - hilft es oder hilft es nicht". Der vortragende Arzt Dr. Beat Villinger war selbst vom Ergebnis seiner Forschungen an der ETH Zürich überrascht: es helfe. Unterhalb der anaeroben Schwelle stellten die Schweizer bei gleicher Leistung einen geringeren Sauerstoffbedarf und eine geringere Herzfrequenz fest. Oberhalb der Schwelle erwies sich das Pflaster allerdings als nutzlos.
Das Pflaster half mir nicht. Die ganze Nacht hatte es schon geregnet. Es war unangenehm kalt, und der Himmel hatte alle Schleusen geöffnet. Völlig durchnäßt gingen wir an den Start. Ich konnte so viel drücken und wischen wie ich wollte, auf der feuchten Nase hielt kein Pflaster. Im nachhinein gedacht: wie gut, hätte ich doch womöglich das bessere Abschneiden gegenüber dem Vorjahr auf das Doping Nasenpflaster zurückführen müssen; und das hätte mir gar nicht gefallen.
Der Startschuß war gefallen. Nacheinander konnte ich mich von Klaus und  Fritz verabschieden, die sowieso schneller sind als ich. Ich hatte mir vorgenommen, mit geringem Kraftaufwand sehr langsam  anzulaufen. Als ich naß war, störte mich der Regen nicht mehr. Im  Gegenteil, es war mein Wetter. Um Kraft zu sparen, ging ich die steilen Bergaufpassagen nach Monstein. An jeder Getränkestation wurde bewußt viel getrunken, meistens zwei Becher Wasser, und obgleich es in Strömen regnete, war mir das nicht genug und ich benutzte Schwämme, um dem Körper zusätzlich von allen Seiten Wasser zuzuführen.
Es war ein angenehmes Laufen am Landwasser. Fritz war knapp 2 Minuten nach Klaus und gut 11 Minuten vor mir in Filisur angekommen und winkte mir vom Bahndamm zu. Er hatte den Landwasserlauf als 6. von 25 in seiner Altersklasse beendet. Gegenüber dem letzten Jahr hatte aber auch ich in Filisur bereits 1:27 Minuten gewonnen.
Der Aufstieg nach Bergün und Chants fiel mir leichter als ein Jahr zuvor. Es galt jetzt nach Art der Sioux durch stetiges und kontrolliertes Abwechseln zwischen Laufen und Gehen vorwärtszukommen. Ab Chants wurde jedoch nur noch gewandert. Mit zunehmender Höhe wurde es sehr kalt und ich war trotz des Helihansenhemdes unter dem Wettkampftrikot nicht ausreichend warm gekleidet. Aber es gehörte eben auch zur ausgezeichneten Organisation des Veranstalters, die Läuferinnen und Läufer bereits 2 Stationen unterhalb des Passes mit Plastiksäcken zu versorgen, die dann irgendwo später auf dem Abstieg abgelegt werden konnten, als es wieder wärmer wurde.
Zwischen den Kilometern 45 und 50 benötigte ich 89 Minuten, 11 Minuten weniger als das Jahr zuvor. Ganz plötzlich emsiges Treiben; die Versorgungsstelle am Paß war erreicht.
Hubschrauber kreisten in niedriger Höhe. Die Versorgungsstände    waren in langer Reihe an die Felswand gedrückt und duckten sich in dem Sturm. Es dampfte aus den Suppenkesseln und es gab eine Fleischbrühe, die Tote wieder lebendig machte.
Welch ein Kontrast: die Läufer bibbernd in spärlicher Kleidung, die Helfer hingegen polarmäßig ausgerüstet in dicken Winterklamotten.  Keine Probleme bei der Gesichtskontrolle. Gegenüber dem Vorjahr hatte ich nun einen Vorsprung von 29 Minuten und 35 Sekunden.
Aber dann der Blick zum Paß hinüber, der noch ca. 100 m entfernt war. Dort, wo es bergab gehen sollte, da fauchte es aus der Tiefe. Wie aus einem Vulkan wurden Nebelfetzen, Hagelkörner, Schnee und Regen, kurzum ein furchtbarer meteorologischer Unrat in den Himmel geschleudert. Das ganze sah unwirklich aus wie in einem alpinistischen Fantasiefilm der dreißiger Jahre mit Louis Trenker. Dort mußten wir hinein in diesen Sturm, und es war kein Laufen mehr, sondern nur ein vorsichtiges Absteigen, wobei manchmal die Hände zur Hilfe genommen werden mußten. Bereits nach 50 Metern hatte ich eine vereiste Stelle nicht erkannt und war ausgeglitten, wobei ich mir die Hände blutig schlug. An einigen Schneebrettern entstanden Staus, weil einige der Teilnehmer wegen der Steifheit ihrer Glieder und der damit verbundenen  Unbeweglichkeit die unangenehmen Abbruchkanten zum Schneefeld nur schwer überwinden konnten. Nachdem dieser schwierige obere Teil  des  Abstiegs überwunden war, wurde es mit abnehmender Höhe  wärmer. Irgendwo entledigte ich mich meines Kleidersackes und legte ihn auf einen Haufen zu den anderen. Der Regen mußte irgendwann aufgehört  haben, die Temperaturen wurden angenehm, ich fühlte mich relativ wohl und lief immer mehr. 
Das Sertig-Dörfli war erreicht und es ging noch einmal hoch in den Wald Richtung Clavadel im Indianertrab; ich bewegte mich vorwärts, indem ich 50 Schritte ging und 100 Schritte trabte. Dann der steile Abstieg nach Davos. War es im Vorjahr eine Nebenstraße, die zum Stadion führte, so befand ich mich ganz plötzlich auf der Hauptstraße, die für den Fahrzeugverkehr gesperrt war. Hier wurde für jeden der Lauf zum Triumpf.  Die Zuschauer saßen in Straßencafes und spendeten übermäßig Applaus. Ich schaute mich um, aber keine Läuferin in der Nähe, der Beifall galt wirklich mir und trieb mich voran. So leicht war mir selten ein letzter Kilometer gefallen. Als ich ins Stadion einlief, sah ich vor mir Hermann Reimers laufen.
Im Ziel warteten Fritz und Dorle, Klaus stand schon längst unter der Dusche. Nie habe ich einen Ultramarathon so gut überstanden wie diesen. Nie war ich so euphorisch, zufrieden und glücklich wie nach diesem, und gegenüber dem Vorjahr hatte ich mich um 49:38 Minuten verbessert.
Bei der Austragung des 12. Swiss Alpine Marathon hatten beim Supermarathon 1058, beim Seriglauf 456, beim Landwasserlauf 507 und beim Staffellauf 288, also insgesamt 2309 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Ziel erreicht. Als "Lauf für Verrückte" galt der Swiss Alpine Marathon bei seiner Premiere. Nicht wenige warnten vor dem wahnsinnigen Ultra-Marathon, prophezeiten schlimme Unfälle, ja sogar Todesfälle. Viele konnten sich damals schlichtweg nicht vorstellen, daß man die 67 Kilometer lange und eine Differenz von 2300 Meter aufweisende Strecke ohne Schaden durchzustehen vermag. Man kann! Die früheren Ängste erwiesen sich als unbegründet. Der "Lauf der Superlative" ist mittlerweile selbst für Hobbysportler zum durchaus erreichbaren Ziel geworden. Die Organisation ist ständig verbessert worden. Auf dem Sertigpaß wird jedesmal eine komplette Intensivstation installiert. Hubschrauber befinden sich ständig im Einsatz. Schwere Zwischenfälle hat es bisher nicht gegeben. Die Finisher-Quote ist zwischen 92 und 96% sehr hoch.
Bei diesem Lauf stehen das Erlebnis, die Natur und das Abenteuer im Vordergrund. Die erlaufene Zeit ist ein anderer Aspekt. Sie wird für den optimal, der sich gut vorbereitet hat und der sich am Anfang Zeit läßt. Schnellstarter sind immer bestraft worden.
Am nächsten Morgen saßen Fritz und ich wieder auf dem Fahrrad und fuhren noch einmal am Landwasser entlang bis Filisur. Das Wetter war herrlich, und wir genossen die wunderschöne Landschaft. Mit dem Zug fuhren wir von Filisur nach St.Moritz und starteten unsere Radwanderfahrt am Inn. Nach 4 Tagen erreichten wir Passau, einen Tag später Regensburg, wo wir am Sonnabend den Zug bestiegen.
War der Swiss Alpine Marathon kalkuliertes Abenteuer und Erlebnislauf in einer herrlichen Natur, so war die Rückreise mit dem Wochenendticket bei Ferienbeginn in Bayern und Ferienende in anderen Bundesländern Wahnsinn.